Schweden forschen mit am Klima der Marienkirche
05. September, 2008 · Artikel drucken
Bergen. Ein ganz bestimmtes Geräusch beim Ausfahren der Hydraulik ist derzeit in der Kirche St. Marien zu Bergen zu hören. Es entsteht, wenn Diplomrestaurator Andreas Weiß den Elektromotor der knallgelben Hebebühne bedient und diese ihn in schwindelnde Höhe unter die Gewölbe befördert. „Leider hat nur eine kleine Arbeitsbühne durch die Eingangstür gepasst, sodass wir nun alle Arbeiten von den Seitenschiffen aus erledigen müssen, anstatt mit einem Schwenkarm direkt ins Hauptschiff zu kommen“, erläutert Weiß. Er bittet um Verständnis für die nun wohl ein paar Tage länger dauernden Beeinträchtigungen für das Gemeindeleben und die Besucher.
Die seltsame Aktion dient der Messung der natürlichen Luftwechselrate der Kirche. Während dazu im Einfamilienhaus das Blower-Door-Verfahren eingesetzt wird, ist man bei größeren Räumen auf die Tracer-Gas-Methode angewiesen. Dabei werden sogenannte Quellen im Raum verteilt, die Spuren eines chemisch kodierten Stoffes in die Raumluft abgeben, die von sogenannten Sammlern wieder aufgefangen werden. Aus der Menge der aufgefangenen Partikel läßt sich dann errechnen, wie schnell die Raumluft durch Außenluft ersetzt wird. Weiß konnte dafür Wissenschaftler der Universität Gävle in Schweden gewinnen, die über 14 Jahre Erfahrung auf diesem Gebiet verfügen und ein Do it yourself–Verfahren nach ISO-Norm entwickelt haben. Anstatt teure Wissenschaftlerstunden zu bezahlen, montiert er die per Post aus Schweden gekommene Messeinrichtung selbst. Dazu musste er zunächst die rund 7400 Kubikmeter Raumvolumen der Marienkirche in 100 gleiche Segmente teilen. Viele rote Maurerschnüre baumeln dort derzeit, an denen dann 100 Quellen aufgehängt werden. Für jedes Segment eine. Nach drei bis vier Wochen werden die Sammler zur Auswertung nach Gävle geschickt. Die Quellen halten ein halbes Jahr, sodass während der Schließzeit der Kirche im Winter eine Nachmessung zu deutlich geringeren Kosten möglich wäre.
„Die ist auch sinnvoll, weil die Luftwechselrate durch den Besucherverkehr beeinflußt wird“ so Weiß, der seine aktuellen Arbeiten so einordnet: „Der Kalk in den Wandmalereien hat sich unter dem Einfluß von Rauchgasen zu Gips verwandelt. Der reagiert auf Klimaschwankungen mit Bewegungen, die letztendlich zum Abplatzen der Malerei führen. Für ihre Erhaltung muß deshalb das Klima stabilisiert werden“. Dazu dienen bereits die Windfangtüren in der Turmhalle. Als Ersatz für die schädliche Türlüftung ist eine klimagesteuerte Lüftung geplant, für die der natürliche Luftwechsel der Kirche bekannt sein muss.
Chronologie eines Rettungseinsatzes
Seit Mitte der 90er Jahre ist Andreas Weiß um die Erhaltung der über 800 Jahre alten romanischen Wandmalereien in der Kirche St. Marien in Bergen bemüht.
2003 konnte in einer ersten restauratorischen Voruntersuchung Untersuchung festgestellt werden, wie schlimm es um die Malerei wirklich steht. Folgerichtig wurde Forschungsprojekt bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) beantragt.
2004 eröffnete die Einstufung der Marienkirche als Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung weitere Fördermöglichkeiten.
2005 bis 2006 wurden in einem Klimamonitoring die Einflüsse des Raumklimas auf den Verfall der Wandmalereien untersucht.
2005 bis 2006 war ebenfalls eine Notsicherung von absturzgefährdeten Teilen der Wandmalereien im südlichen Querhaus erforderlich.
2006 wurde der Erhaltungszustand des gesamten Malereibestandes untersucht und dokumentiert.
Mit der Bewilligung des Forschungsprojekts „Modellhafte und nachhaltige Sanierung durch Rauchgas- und Nitratemissionen geschädigter Wandmalereien in der Marienkirche zu Bergen auf Rügen im ostseetypischen Wechselklima“ durch die DBU konnte 2007 die Erarbeitung der Konservierungs- und Restaurierungskonzeption für die Malereien begonne werden.
Der Bauabschnitt 2007/ 2008 umfaßt erste Konservierungsarbeiten an den Malereien im Chor und im Südquerhaus, sowie den Einbau von Windfangtüren in der Westvorhalle zur Stabilisierung des Raumklimas.
Für 2009 sind der Einbau einer klimageführten Regelung für die Lüftung der Kirche, sowie die Fortsetzung der Konservierung und Restaurierung der Malereien geplant.
Die finanziellen Aufwendungen betragen im Bauabschnitt 2007/ 2008 und in den Folgejahren jeweils etwa 104.000 Euro, die zum Teil aus Bundes- und Landesmitteln bestritten, aber durch die Landeskirche und die Kirchengemeinde komplementiert werden müssen. Die Sicherung dieses Eingenanteils wird maßgeblich durch die Margarete-Bierlein-Stiftung unterstützt.


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