Rügen verlassen – mit offenen Armen in Rendsburg empfangen
12. September, 2008 · Artikel drucken
Sassnitz/Rendsburg. Sie verdienten gut, diese Motorsegler von der Nobiskrug-Werft in Rendsburg. In Zeiten, als die Küstenschipper noch die Segel gewohnt, aber schon die Maschine einsetzen konnten, brachte die Fracht zeitnah transportiert, guten Verdienst. Einer der letzten Nobiskruger Segler namens „Annemarie“ machte in Rendsburg anlässlich des „Rendsburger Herbstes“ am 17. August am Ahlmann-Kai fest.
Im Januar 1930 hatte Kapitän Penns den Dreimast-Toppsegelschoner mit rund 45 Metern Länge bestellt und im Juni den Stapellauf begleitet. Im Juli begann die Arbeit mit dem Schiff und 1935 erhielt der genietete Rumpf sogar noch einmal eine Verlängerung, bevor die Kriegsmarine das Schiff requirierte. Mienensuchboot, Minenräumfahrzeug und 1948 wieder als Frachtschiff nach Kiel verlegt, erhielt die „Annemarie“ 1953 erneut eine Verlängerung des Rumpfes. 1987 endete die Bereederung und 1991 wurde das Schiff mit numehr etlichen Jahrzehnten Geschichte zum Abwracken außer Dienst gestellt.
Die Makarenko-Schifffahrts GmbH kaufte sie für pädagogische Zwecke an und ließ sie in einer Werft in Arnis lange liegen. Die Aufbauten außer den Masten waren bis 1996 schon zurückgebaut, der Rumpf verkürzt. 2004 folgte dann eine Überführung nach Sassnitz, um als gemeinnütziger Arbeitsort für Jugendliche der Wildfang GmbH Lohme zu dienen. Erfolgreich, wie viele geleistete Stunden auch als Buße nach richterlicher Anordnung und der heutige Zustand belegen. Auf den Müther-Gedächtnisfahrten diente der motorisierte Rumpf die letzten Jahre als Schlafschiff, konnten sich auch Rotarier von der Arbeit überzeugen.
Seit 15. August 2008 vermisst der kundige Besucher des Sassnitzer Hafens die „Annemarie“ vor dem Glasbahnhof. Der Arbeitscontainer verschwand schon vorher. Projektleiter und Sozialarbeiter Christian Cimander erläutert, warum nun Rendsburg der neue Liegeplatz, die Europäische Jugendhanse e.V. der neue Eigner ist und doch die handelnden Personen nahezu die selben bleiben.
Cimander: „Die Annemarie ist ja kein gewerbliches Projekt, wenngleich die beteiligten Organisationen heute des Risikos wegen auch nicht mehr als Verein sondern in GmbHs agieren. Wie das Lohmer Haus Wildfang. Dass wir in Sassnitz die letzten Jahre dennoch immer wie ein gewerbliches Projekt behandelt wurden, hat uns geschmerzt. Denn zuletzt rund 5700 Euro jährliche Liegegebühren hätten wir lieber in den Ausbau des Stahlschiffes und die Jugendarbeit gesteckt. Vergangenes Jahr hatten wir vier Monate Werftaufenthalt in Stralsund. Bei unserer Anfrage, ob wir in der Zeit die Finanzen anders regeln könnten, bedeutete man uns seitens der Hafengesellschaft, dass wir bei Kündigung kein Anrecht mehr hätten, zurück zu kehren. Das fanden wir alles schon merkwürdig. Immerhin trägt das Schiff den Liegehafen Sassnitz am Heck.“
Dass es auch anders geht, zeigten verschiedene Interessenten in Rendsburg. Angestachelt durch derlei und andere Vorkommnisse hatten die Verantwortlichen die Fühler schon länger ausgestreckt. Frauke Grossmann, ehemalige Frauenbeauftragte von Buedelsdorf und begeisterte Seglerin stellte Kontakte her. Und siehe da, es fanden sich auf Anhieb Sponsoren, die schon kurz nach dem Anlegen in Rendsburg nach einer 33-stündigen Überfahrt mit vollen Händen an Bord kamen. „Was dieses Schiff für Kenner bedeutet, haben wir nochmals richtig begriffen, als wir im Nord-Ostsee-Kanal mehrfach das Signal „dreimal lang“ erhielten. Viele alte Schiffer und Lotsen waren gerührt beim Anblick. Sie kannten den Schoner noch von früher. Es war wie eine Heimkehr“, so Cimander, der die Überfahrt auch in Abstimmung mit der Seeberufsgenossenschaft organisiert hatte. „In Sassnitz lagen wir ja auch in Nachbarschaft zu einer kleinen Werft. So viel Herzlichkeit haben wir dort jedoch nie erlebt. Und der Eigner des Ahlmann-Kais sagte uns sofort freies Liegen zu. In Sassnitz schien es nach den Erfahrungen der letzten Jahre einfach nicht mehr möglich, die „Annemarie“ unter Segel zu bringen.“
Wie Telefonate mit der Stadtverwaltung Rendsburg zeigten, ist der Fakt der Schiffsverlegung zumindest bekannt. Man scheint dort ein gewisses Interesse daran zu haben, dass ein früheres Rendsburger Schiff wieder „heimkehrt“. „Wir hätten auch in Sassnitz gerne an Brücke eins gelegen, im Zentrum des Hafens, als attraktiver Blickfang. Wie es beim Bau einmal für die der Fischhalle abgewandte Seite geplant war. Segler wie die Ninive oder andere lagen dort ja auch schon, bevor die kaputten Gangways von Belamer alles blockierten. Und niemand glaubt wohl ernsthaft, dass die Stadt damit Geld verdient.“
Christian Cimander arbeitet also künftig in Rendsburg. Auch Robert Reeckmann, der technische Leiter des Umbaus, ist mit seiner Familie nach Kiel gezogen. Der neue Prospekt für den Endspurt des Seglers listet alleine elf namhafte Sponsoren auf. In Rendsburg. Wer den Kontakt halten möchte: stsannemarie@aol.com, Stichwort europäische Jugendhanse e.v.


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